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Bridget Jones

Neulich hatten Lily und ich einen Gender-Streit. Wegen dem Baby von Bridget Jones. Ihr wisst schon, der neue Film über die Frau, die sich mit viel Charme in jedes Fettnäpfchen setzt und völlig unzeitgemäss nach ihrem Mr. Right Ausschau hält, wobei sie doch den Heathcliff in Form von Mark Darcy/Colin Firth greifbar um die Ecke hätte.
Ich habe mich von der ersten Zeile an in Bridget Jones verliebt, damals vor vielen Jahren, als meine Kilos faltenlos und meine Sorgen leicht waren. Als ich dann von einem Band drei hörte, stand das Buch bei mir klar auf der Leseliste (nur ist die leider so lang wie „Krieg und Frieden“). Und als ich kürzlich in London war (kleine Auszeit mit meinem Mann, sehr empfehlenswert!), lief der Film. Sollte ich also meinem Credo: „Buch zuerst“ untreu werden?
Einfach um sicher zu sein, schickte ich, während wir in der Ticket-Schlange warteten, Lily eine SMS. Die hatte den Film schon gesehen.
„Gendermässig voll daneben, mit 43 kann Bridget-Blödi zwischen zwei super Typen wählen, ist bleistiftdünn geworden und immer noch gleich doof wie mit dreissig“, textete meine Freundin.
Hoppla. Gut, Lily ist zur Zeit frustriert, ihr erinnert euch, Bruno hat sie verlassen und sie ist mittlerweile in der Wutphase… und dennoch. Wollte ich sowas sehen?
Aber wann würden wir das nächste Mal als Paar nachmittags um drei in ein Kino?
Ausserdem standen wir nun ganz vorne an der Kasse.
Nun denn. Wir kauften die Tickets. Setzten uns auf die grosszügigen Sofas, bestellten einen Prosecco und ein Bier, musterten skeptisch die plaudernden Hühner um uns herum, alle in unserem Alter…
Nix haben wir erwartet. Und dann lachten wir uns durch!
Am komischsten war Emma Thompson als Gynäkologin. Wie die über geriatrische Mütter spricht! Umwerfend! Na gut, Bridget ist jetzt dünn. So what! Gönnen wir doch der sichtlich glatt gebügelten Renée Zellweger ihren erfolgreichen Kampf gegen die Kilos. Es weiss ja jede von uns, dass die mit Mitte vierzig nicht mehr so einfach loszuwerden sind wie mit Anfangs dreissig. Aber dass die Frau in dieselben Fallen tappt wie damals! Hei, tun wir das nicht alle? Dass sie zwei (attraktive) Männer am Finger baumeln hat: dramatische Verdichtung! Ihr Job als Produzentin beim selben TV Sender? Ist bei mir genau gleich. (Achtung: geriatrische Autorin!) Dass die Nebenfiguren noch immer dieselben sind – der Freundes-und Familienkreis wird bekanntlich auch älter, wie schön, wenn er einem treu bleibt. Und die Hochzeit mit Happyend ist doch mal eine Abwechslung zu den runden Geburtstagen und den Beerdigungen.
Im Ernst, wir haben Tränen gelacht. Beide.
Schaut es euch an! Und dann gebt Bescheid, ob ihr im Lily-Lager seid, oder in meinem! Aber eine englische Originalversion muss es sein. Das Buch liegt übrigens auch auf meinem Stapel. Ganz oben.

„Toibele“ (zu deutsch: lauthals quengeln!)

Neulich stand ich mit Lily an der Supermarktkasse, vor uns eine Mutter mit Kind, weiche Locken, himmelblaue Augen. Und einem beinharten Willen. Wollte ein Überraschungs-Ei. Mama wollte nicht. Kind blieb härter. Mama ebenso. Kind fing an zu schreien. Mama schrie zurück. Kind riss dem Angestellten (schön perplex: der Kassenmann!) das Ei aus den Fingern. Mama blieb eisern. Das Ei zerschellte parallel zu ihrem Abgang.
Anschliessend eine wilde Diskussion: Lily und die meisten anderen Einkäufer waren für die Mutter, ich und ein paar andere Weicheier für den „toibelnden Goof“ (das quengelnde Kind).
Liebe Mütter (und Väter, ups, machen die Kinder das nur bei den Müttern, ein Gender-Thema?), kauft doch um Himmelswillen dieses kleine Stück Schokolade! Oder irgendetwas anderes, meinetwegen ein Biorüebli, hautpsache Belohnung!
Was, schreit ihr auf? Spinnt die jetzt? Schmeisst die, nur weil ihre Kinder das „Toibeli“-Alter verlassen haben, alle Prinzipien über Bord? Und fällt uns in den Rücken, uns, der betroffenene Eltern-Community: GEMEINSAM GEGEN DIE GROSSVERTEILER? (siehe dazu auch den Front-Artikel der NZZ am Sonntag, vom 24. April, 2016, „Eltern kaufen, was Kinder wollen“)
Stellt euch mal den Einkauf aus der Sicht des himmelblau gelockten Vierjährigen vor! Zuhause noch ein bisschen Legos in Schuhe stecken? Buchseiten mit Lippenstift bemalen? Gänseblümchen ins Gemüsefach legen? Ist nicht, wir gehn einkaufen. Im Auto noch ein wenig „Benjamin Blümchen“ hören? Im Tram von der Hinterbank springen? Die Schnecken beim Wettrennen anfeuern? Ist nicht, wir gehn… Okay, dann halt. Beim abwägen helfen? Okay. Nur blöd, dass man anschliessend nicht in die Erdbeeren beissen darf. Aber man gehorcht, benimmt sich Eins A, schliesslich will man gelobt werden. Dafür, dass man gefühlte Stunden neben der Mama steht, die am Handy ihre Abgabefristen klärt und einen Friseurtermin verabredete (warum sie diese Haare bloss dauernd anmalt?) und man dabei all die glitzernden Kinderherrlichkeiten NUR mit den Augen!(so wie beim letzten Einkauf eingefordert) bewundert. Dafür, dass man keine Panini – und/oder Wildtier-Stickers sammelt und sich auch sonst nicht in den Einkauf einmischt. Und man sich für all das nur ein einziges, winzig kleines Eichen aussucht…. das ausserdem noch ein Spielzeug enthält, mit dem man sich die ganze langweilige Auto-oder Tramfahrt nachhause und manchmal sogar noch Jahre später die Zeit vertreibt. Und nicht die Riesentüte mit den ungesunden amerikanischen Miniriegeln! Und schon gar nichts Urschweizerisches aus der grossen Fabrik am See, weil das die Mama sowieso nachts reinfuttert und danach schlechte Laune hat! Ja, wenn das keine Belohnung verdient hat!

Und noch was: manchmal würde ich mich auch am liebsten an den Boden schmeissen. Und lauthals „toibele“: kauft meine Bücher! KAUFT, KAUFT, KAUFT!

Brexit

Lily und ich haben Streit. Und alles nur wegen einer Packung Schottischer Butterguetsli.„Die würde ich erst Ende Juni kaufen“, meinte Lily eifrig, als wir zusammen das Abend-Fertigmenue-Einkaufen erledigten.
„Wieso?“
„Weil die Briten dann im Exit sind.“
„Und das findest du …?“, tastete ich das Terrain ab.
„Super. Dann wird’s für uns viel einfacher. Endlich haben wir Brüder.“
Ich setzte zu einer Entgegnung an. „… und Schwestern“, ergänzte Lily, die meine Genderversessenheit kennt. „Dann sind wir eine Bewegung.“
„Aber Lily, du weisst schon, dass die Brexit-Befürworter mit rechtspopulistischen…“
„Die Mittel sind mir doch egal. Das Einzige, was mich interessiert, ist das Resultat.“
„Aber es ist ein schwieriges Signal.“
„Im Gegenteil. Endlich sind wir nicht mehr allein. Die Briten sind dann wie wir.“
„Das ist so kurzsichtig…“
„Mein Stichwort. Die Brille kaufe ich nicht mehr bei Fielmann, sondern bei Burberry.“
„Die machen sauteurer Regenmäntel und keine…“
„Falsch. Seit Neustem gibt’s da auch Brillengestelle. Und wem verkaufen sie die lieber als den Leid-Genossen? “
„Wir leiden doch nicht, wir sind verwöhnt. Darum sollten wir uns einsetzen für Gemeinsamkeit, Solidarität….“
„Im Gegenteil. Wir wollen Selbstbestimmung und Eigenwilligkeit. Ich bin Brexit.“
„Aber Lily. Du vergleichst Kürbisse und Rosinen. Die haben eine Monarchie und wir…“
„Im Herzen sind wir gleich. Denk an unseren Kantönli-Geist, wie schön, wenn wir endlich Brüder… und Schwestern haben. Wales ist das Wadtland, Yorkshire ist Innerrhoden und das Oberland trennt von Schottland gerade mal ein paar Buchstaben.“
„Aber…“
„Und welches andere Land hat schon eine Bahnhofstrasse, die der Oxfordstreet die Stirn bieten kann? Darum bilden wir eine Koalition, die BritZwiss.“
„…?“
„Mit der neuen Währung Pfranken.“ Strahlend deutete sie auf meine Butterkekse. „Die bekommst du dann für ein Viertel.“
Für einmal hatte ich nichts mehr zu sagen. Lilys Nummer habe ich aus meinen Kontakten gelöscht.
Neulich habe ich sie gesehen. Stand in der Gourmet-Käse- Abteilung und versuchte eine Britin zu überzeugen, Emmentaler zu kaufen. Aber die Dame blieb bei ihrem portugiesischen Parmesan und dem Geissenkäse aus den Pyrenäen. „Excuse me“, meinte sie strahlend und legte griechische Oliven dazu. „I love Europe.“

Die spinnen, die Briten.

45+ Work Life Balance

Neulich rief mich Lily ziemlich aufgeregt an. Ihre italienische Nonna war aus einem siebentägigen Koma aufgewacht, klar bei Verstand – Nonna ist 92 – und wollte als Erstes wissen: „Was habe ich gegessen in den sieben Tagen?“
Lily war gerührt: „Da ist sie fast gestorben und dann interessiert sie nur Pasta. Typisch Italienerin.“
Zum Glück hat Lily das gesagt, wäre ich es gewesen, hätte sie mir Rassismus vorgeworfen, oder mindestens ein gewaltiges Vorurteil.
Warum mich diese kleine Begebenheit nicht loslässt? Was würde ich wohl fragen nach so einem Koma?
Oh, das ist einfach. Wie‘s meinen Kindern geht natürlich, als allererstes. Und meinem Mann. Die Antwort würde ich vermutlich aber nicht mehr abwarten, sondern wissen wollen, ob er denn all meine Termine, wirklich ALLE, verschoben habe? Wer meine Jobs übernommen habe und wie meine Lieferfristen nun aussähen? Vermutlich würde ich meine Familie in die Cafeteria schicken, mein Laptop einstöpseln, die Mailflut abarbeiten und gleichzeitig die Zeitungen im Schnellverfahren querlesen. Würde mich über amerikanische Präsidentschaftswahlen wundern, mich entsetzen über Protokolle von Flüchtlingen, die heute gleich lauten wie in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts, dieweil ich SMS verschickte, Sitzungen um-, Rechnungen einbuchte. Ich würde Skype-Termine bündeln, während ich mit einer Tube Hellbraun meine Haaransätze optimierte, gleichzeitig mein Schreibpensum verdichtete und die Sozialkontakte essenzierte (ein Willkommensapéro zuhause und ALLE einladen: fünfzig Fliegen mit einer Klappe!). Ich würde, – nicht mit der Infusionshand, mit der anderen! – die Steuerbelege bündeln und alle überflüssigen Rechtschutzversicherungen kündigen, sowie das Serviceabo für die Spülmaschine. Genau, dann würde ich auf die Waage springen und mich über die verlorenen Kilos freuen, die die verlorene Zeit mehr als wettmachen. Energetisiert würde ich Windows zehn downloaden, Sonnenkollektoren bestellen, alle Konzepte fertig schreiben, den vierten Krimi, die Kurzgeschichte über das alte Liebespaar, das Geburtstagsfest für meine Mutter planen, die Patientenvereinbarung ausfüllen und mein Testament uploaden, ich würde…

Mitten in diese Überlegungen platzte mein Sohn: „Mama, deine Work-Life-Balance ist Schrott! Wieso sitzt du an Auffahrt da und arbeitest? Kannst du einmal einen Tag freimachen?“ ….
Ups. Lilys Oma fiel mir ein. Und ihre Nach-Koma-Frage! Vielleicht könnte ich mir eine Scheibe von ihrer Lebenseinstellung abschneiden. Oder einfach nur ein Stück Schwarzbrot. Und mich damit in die Sonne setzen.
Der Frühling ist nämlich grad sehr schön.

Vorablesen

Neulich hat mich meine Freundin Lily ermuntert, bei vorablesen.de mitzumachen. „Das wirst sehen, du mischst die deutsche Krimiszene so richtig auf, mit deinem Multiprotagonisten- (das ist das, wenn es mehr als eine Hauptfigur gibt) psychologisch aufgeheizten, Backstory-getriebenen, dialogisch unterfütterten und manchmal durchaus regionsprachlich gefärbten (Dialekt ist doch Kult, oder?) Greifensee-Morddrama, in dem Menschen wie du und ich, aus ihrem Alltagstaumel geschleudert, vergeblich versuchen, die Extremsituation, die sich erst nach und nach entblättert, in den Griff zu bekommen!“

Wow. Grosse Worte für die kleine Lily. Hat mir eingeleuchtet. Hat mich überzeugt. Abgesehen davon hatte ich gar keine Wahl. Lily, diese hinterhältige Ratte, hatte mich nämlich bereits angemeldet, Leseprobe umformatiert (okay, ging in die Hose, aber Lily hatte es eilig) und alles hochgeladen. Ich war also bei „vorablesen“. Eine nervöse Ahnung, dass das alles nicht ganz so einfach würde, wie Lily sich das vorstellte, verdrängend, erwartete ich den Montagmorgen.
D-Day.
Leseprobe ahoi! Cool! Ich harrte der Eindrücke…

Nur, was ist, wenn da Buchstaben stehen, aber keiner will sie lesen. Weil der multisychologischstorybackmorhumdialogseegreifige Krimi aus der Feder einer Schweizerin (also ich) stammt, die man ennet der Grenze gar nicht kennt. Logisch. Da würde ich auch nicht mittun. Ich lese ja auch immer die gleichen. Na gut, stimmt nicht. Gerade heute hab ich mir was von einer Susie Steiner gekauft. Britisch. Liest sich gut. Der Alltagswahnsinn der Cops wie du und ich. Aber würde ich deswegen meine Meinung darüber auf so einer Plattform kundtun? Nein, ich doch nicht. Würde mich nie registrieren, wer weiss, was ich nachher für einen Werbemüll bekomme. Ausserdem, da ist mir doch das Wochenende zu schade für. Lieber lese ich, was ich will. Und in einem Rutsch, nicht nur so eine bescheuerte Probe.

Geschenkt.
Ihr habt völlig recht.

ABER: macht mal eine Ausnahme. Ich kann jeden Leseeindruck brauchen. Das heisst, wenn ihr multilektseealprotadiagonpsychistwitzische Morddramen mögt. Es braucht eine gute halbe Stunde. Einmal durchlesen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen! Und vielleicht gewinnt ihr ja sogar. Dann werden die Bücher halt wieder über die Grenze zurückverfrachtet. Wenn das keine Völkerverständigung ist.

In dem Sinne: solltet ihr nicht selber lesen mögen, dann teilt doch bitte recht gerne. (das ist dieser Pfeil mit dem Teilen) Vielleicht gibt’s ja in eurem Likerkreis Fans von multgondialsee…. Ihr wisst schon was ich meine.
DANKE!!!!! (und beeilt euch bitte gerne, die Aktion ist am Montag zuende.) Mit besten Samstagabendgrüssen. Ich schau mir jetzt einen Krimi an. Man kann ja nicht immer nur lesen!
http://www.vorablesen.de/buecher/sicht-unsichtbar